Krise der Merz-Regierung
- Ein Jahr nach dem Start der Merz-Regierung steht die große Koalition aus CDU/CSU und SPD deutlich unter Druck. Die Regierung muss erklären, warum viele Reformversprechen noch nicht spürbar wirken, während Umfragen schwach ausfallen und innerhalb der Koalition immer wieder Streit sichtbar wird. Es geht weniger um eine einzelne Krise, sondern um die Frage, ob Schwarz-Rot genug Vertrauen zurückgewinnen kann.
Als Friedrich Merz am 6. Mai 2025 Bundeskanzler wurde, war die Erwartung groß. Nach Jahren politischer Krisen sollte die neue große Koalition aus CDU/CSU und SPD Stabilität bringen, wirtschaftliche Impulse setzen und zeigen, dass eine Bundesregierung wieder schneller entscheidet. Die Bundesregierung besteht aus Union und SPD und trat nach der Wahl von Merz zum Kanzler im Mai 2025 an Quelle: Deutscher Bundestag.
Ein Jahr später ist von diesem Aufbruch nur noch wenig zu spüren. Die Regierung wirkt nicht handlungsunfähig, aber sie wirkt angeschlagen. Genau das ist der Kern der aktuellen Krise: Es gibt politische Arbeit, es gibt Beschlüsse, es gibt Reformpläne. Aber bei vielen Menschen kommt nicht das Gefühl an, dass diese Regierung die Lage wirklich im Griff hat.
Der Fachbegriff dafür ist Vertrauenskrise. Damit ist gemeint, dass Bürgerinnen und Bürger einer Regierung nicht mehr zutrauen, Probleme zuverlässig zu lösen. Eine Vertrauenskrise entsteht nicht nur durch schlechte Entscheidungen. Sie entsteht auch, wenn eine Regierung schlecht erklärt, langsam wirkt oder ständig intern streitet.
Warum die Koalition überhaupt unter Druck steht
Die große Koalition steht nicht wegen eines einzigen Fehlers unter Druck. Es kommen mehrere Dinge zusammen.
Ein wichtiger Punkt ist die wirtschaftliche Lage. Deutschland kämpft seit längerer Zeit mit schwachem Wachstum, hohen Kosten, Investitionsproblemen und Unsicherheit in vielen Branchen. Wenn eine Regierung in so einer Lage startet, wird sie besonders stark daran gemessen, ob sie schnell Verbesserungen schafft.
Dazu kommt der Streit innerhalb der Koalition. Union und SPD regieren zwar gemeinsam, haben aber bei vielen Themen unterschiedliche Vorstellungen. Die Union will häufig stärker auf Entlastung, Migration, Wirtschaft und Haushaltsdisziplin setzen. Die SPD betont stärker soziale Sicherheit, Arbeitnehmerrechte und staatliche Unterstützung. Solche Unterschiede sind normal. Problematisch wird es, wenn der Eindruck entsteht, dass die Koalition mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit dem Land.
Ein Fachbegriff dafür ist Koalitionsdisziplin. Damit meint man die Fähigkeit der Regierungsparteien, trotz unterschiedlicher Interessen gemeinsam aufzutreten und gemeinsame Entscheidungen zu tragen. Wenn diese Disziplin schwach wirkt, entsteht nach außen schnell das Bild einer wackeligen Regierung.
ZDFheute beschreibt die Lage nach einem Jahr als gemischte Zwischenbilanz: Schwarz-Rot habe Vorhaben umgesetzt, stehe aber zugleich vor großen Reformen und müsse politisch „das Ruder rumreißen“ Quelle: ZDFheute.
Die Umfragen sind das größte Warnsignal
Besonders gefährlich für eine Regierung sind nicht nur Konflikte im Bundestag, sondern schlechte Umfragen. Denn Umfragen zeigen, ob die Bevölkerung den Kurs einer Regierung noch unterstützt.
Nach einem Jahr Merz-Regierung fällt die Stimmung sehr kritisch aus. Laut einem RTL/ntv-Trendbarometer waren nur 11 Prozent mit der Arbeit von Schwarz-Rot zufrieden, während 87 Prozent unzufrieden waren Quelle: n-tv.
Das ist politisch gefährlich, weil Regierungen nicht nur Gesetze brauchen, sondern auch Rückhalt. Ohne Rückhalt wird jede Reform schwerer. Selbst notwendige Entscheidungen wirken dann schnell wie Zumutung oder Parteitaktik.
Der Fachbegriff Legitimation spielt hier eine Rolle. Legitimation bedeutet, dass politische Macht als berechtigt anerkannt wird. Eine Regierung ist durch Wahlen rechtlich legitimiert. Aber sie braucht zusätzlich politische Akzeptanz im Alltag. Wenn diese Akzeptanz stark sinkt, wird Regieren deutlich schwieriger.
Merz hat ein Kommunikationsproblem
Ein häufiger Vorwurf an Friedrich Merz lautet, dass seine Kommunikation nicht stark genug sei. Kommunikation bedeutet in der Politik nicht nur, Interviews zu geben. Es geht darum, Entscheidungen verständlich zu erklären, Konflikte einzuordnen und den Menschen das Gefühl zu geben, dass es einen klaren Plan gibt.
Gerade bei schwierigen Reformen ist das entscheidend. Wer Veränderungen will, muss erklären, warum sie nötig sind, wen sie betreffen und was langfristig besser werden soll.
Wenn diese Erklärung fehlt, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum wird dann von Kritik, Spekulationen und Schlagzeilen gefüllt. Genau deshalb kann schlechte Kommunikation eine Regierung schwächen, selbst wenn sie sachlich an Themen arbeitet.
Die Frankfurter Rundschau berichtet in ihrer Zwischenbilanz ebenfalls über Kritik an Merz’ Kommunikation und über Unzufriedenheit mit dem Stil des Kanzlers Quelle: Frankfurter Rundschau.
Warum Streit in einer großen Koalition besonders sichtbar wird
Eine große Koalition klingt auf den ersten Blick stabil. Zwei große politische Lager regieren gemeinsam, die Mehrheit im Parlament ist vorhanden, extreme Kompromisse scheinen möglich. In der Praxis ist eine große Koalition aber oft schwer zu führen.
Der Grund ist einfach: Die Parteien müssen gleichzeitig zusammen regieren und sich voneinander abgrenzen. Die CDU/CSU will ihren Wählerinnen und Wählern zeigen, dass sie nicht zu sozialdemokratisch wird. Die SPD will zeigen, dass sie nicht nur Anhängsel der Union ist. Dadurch entsteht ein dauernder Spagat.
Der Fachbegriff dafür ist Profilierungsdruck. Damit ist gemeint, dass Parteien innerhalb einer Koalition sichtbar machen wollen, wofür sie selbst stehen. Zu wenig Profil schadet der Partei. Zu viel Profil schadet der Koalition.
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch sagte laut Merkur, die drei Parteien der großen Koalition hätten „an einigen Stellen sehr unterschiedliche Auffassungen“; Streit gehöre zur Demokratie dazu Quelle: Merkur.
Das ist sachlich richtig. Streit ist in einer Demokratie normal. Aber für eine Regierung wird Streit dann zum Problem, wenn er nicht mehr wie normale Debatte wirkt, sondern wie Dauerblockade.
Jens Spahn als Stabilitätsfigur der Union
Interessant ist, dass in der Krise nicht nur der Kanzler im Mittelpunkt steht. Auch Jens Spahn spielt eine wichtige Rolle. Als Vorsitzender der Unionsfraktion muss er die Abgeordneten der CDU/CSU zusammenhalten und gleichzeitig die Linie der Regierung mittragen.
Die Fraktion ist die Gruppe der Abgeordneten einer Partei oder Parteiengemeinschaft im Parlament. Die Unionsfraktion besteht aus CDU und CSU. Ein Fraktionsvorsitzender ist deshalb sehr wichtig, weil er organisieren muss, ob die eigenen Abgeordneten bei Gesetzen mitziehen.
Spahn wurde laut Berichten mit 86,5 Prozent als Fraktionsvorsitzender bestätigt Quelle: Frankfurter Rundschau. Das zeigt: Während die Regierung insgesamt schwach wirkt, versucht die Union intern Stabilität zu zeigen.
Das ist politisch wichtig. Denn wenn eine Regierungsfraktion auseinanderfällt, wird jedes Gesetz schwieriger. Eine Koalition kann nur regieren, wenn sie im Parlament zuverlässig Mehrheiten organisiert.
Die Opposition nutzt die Schwäche
Wenn eine Regierung schlechte Umfragen hat und intern streitet, bekommt die Opposition automatisch mehr Raum. Oppositionsparteien müssen dann nicht einmal immer eigene Lösungen präsentieren. Oft reicht es, die Regierung als orientierungslos, langsam oder zerstritten darzustellen.
Die Grünen haben die Merz-Regierung nach einem Jahr scharf kritisiert und eine sehr negative Bilanz gezogen Quelle: Merkur.
Der Fachbegriff Opposition bezeichnet die Parteien im Parlament, die nicht Teil der Regierung sind. Ihre Aufgabe ist Kontrolle. Sie kritisieren die Regierung, stellen Anfragen, bieten Alternativen an und versuchen, politische Fehler sichtbar zu machen.
Für die Regierung Merz ist das besonders unangenehm, weil sie ohnehin unter Beobachtung steht. Jede Panne, jeder Streit und jede unklare Aussage verstärkt dann das Bild einer Regierung in der Krise.
Ist die Regierung wirklich am Ende?
Trotz aller Kritik sollte man die Lage nicht überzeichnen. Eine Regierung kann unpopulär sein und trotzdem weiterarbeiten. Schlechte Umfragen bedeuten nicht automatisch, dass eine Koalition sofort zerbricht.
Wichtiger ist die Frage, ob Union und SPD noch gemeinsame Interessen haben. Und die haben sie. Beide Parteien wissen, dass ein Scheitern der Regierung politisch riskant wäre. Neuwahlen könnten beiden schaden. Eine Minderheitsregierung wäre schwer zu führen. Und ein dauerhafter Eindruck von Chaos würde das Vertrauen in die demokratische Mitte weiter schwächen.
Der frühere Kanzler Olaf Scholz appellierte laut Welt innerhalb der SPD an die Verantwortung demokratischer Parteien und warnte vor einem vorzeitigen Ende der Koalition Quelle: Welt.
Das zeigt: Auch innerhalb der SPD gibt es offenbar ein Bewusstsein dafür, dass ein Bruch der Koalition nicht automatisch eine Lösung wäre.
Was jetzt entscheidend wird
Die Merz-Regierung steht vor einem klassischen Regierungsproblem: Sie muss nicht nur arbeiten, sondern Wirkung zeigen. Menschen bewerten Politik selten nur nach langen Strategiepapieren. Sie fragen sich, ob ihr Alltag besser, sicherer oder zumindest verständlicher wird.
Entscheidend werden deshalb drei Dinge.
Erstens muss die Koalition sichtbare Ergebnisse liefern. Reformen dürfen nicht nur angekündigt werden, sondern müssen spürbar werden.
Zweitens muss Merz besser erklären, wohin er das Land führen will. Eine Regierung ohne erkennbare Erzählung wirkt schnell wie Verwaltung ohne Richtung.
Drittens müssen Union und SPD ihre Konflikte so austragen, dass sie nicht ständig wie eine Regierung kurz vor dem Bruch erscheinen.
Der Fachbegriff Regierungsfähigkeit beschreibt genau das: Eine Regierung muss Mehrheiten organisieren, Entscheidungen treffen und Vertrauen vermitteln. Wenn eines davon fehlt, entsteht Druck. Wenn alle drei schwächeln, entsteht eine Krise.
Warum diese Krise mehr ist als Parteipolitik
Die Krise der Merz-Regierung ist nicht nur ein Problem für CDU, CSU oder SPD. Sie betrifft das politische System insgesamt. Wenn eine große Koalition aus Parteien der politischen Mitte kaum Vertrauen bekommt, profitieren oft Kräfte am Rand.
Das macht die Lage so ernst. Viele Bürgerinnen und Bürger erwarten nicht, dass jedes Problem sofort gelöst wird. Aber sie erwarten Orientierung. Sie wollen verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden und wohin die Regierung steuert.
Wenn diese Orientierung fehlt, wächst Frust. Und Frust ist politisch gefährlich, weil er einfache Antworten attraktiv macht.
Die Bundesregierung selbst stellt ihre erste Jahresbilanz deutlich positiver dar und betont Reformdruck, internationale Krisen und bereits angestoßene Vorhaben Quelle: Bundesregierung Quelle: Deutschland.de.
Genau hier liegt der Konflikt: Die Regierung sieht Arbeit und Reformen. Viele Bürger sehen Streit, Unsicherheit und wenig Verbesserung. Zwischen diesen beiden Wahrnehmungen entscheidet sich, ob die Merz-Regierung aus der Krise herauskommt oder tiefer hineinrutscht.
